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Dieser Zusatztext wurde freundlicherweise von Eike Rösch und Olivier Steiner zur Verfügung gestellt.

Worum geht's?

0.1 Was sind "Digitale Medien"?

Digitale Medien umfassen alle elektronischen Technologien und Anwendungen, die auf digitaler Grundlage, d.h. mit binärem Code operieren (vgl. Geser 2014). Damit bezeichnet der Begriff digitale Medien bspw. Internettechnologien, digitale Endgeräte, vernetzte Objekte, Roboter sowie Programme bzw. Apps. Digitale Medien ermöglichen dabei immer eine Form der Kommunikation: Als mediatisierte Kommunikation zwischen Menschen, als Kommunikation zwischen Menschen und digitalen Technologien oder als Kommunikation zwischen digitalen Technologien (vgl. Krotz 2007). Eine solche weite Begriffsdefinition ist für die Konzeptarbeit in der Sozialen Arbeit sinnvoll, da damit 1. auch neuere Entwicklungen wie bspw. das Internet der Dinge, Virtual Reality und Roboteranwendungen in den Blick kommen und 2. mit dem Fokus auf Kommunikation die zentrale Bedeutung der sozialen Beziehung für eine medienbezogene Offene Kinder- und Jugendarbeit hervorgehoben wird.

  • Geser, M.-E. (2014). Wandel der Medien und der Mediennutzung, Strategieperspektiven für TV 2.0 (S. 47-74). Wiesbaden: Springer Fachmedien.
  • Krotz, F. (2007). Mediatisierung : Fallstudien zum Wandel von Kommunikation. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

1 Wissenschaftliche/theoretische Basis

Als theoretische Basis der Verortung digitaler Medien in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit sind der Mediatisierungsansatz, Mediensozialisationstheorien sowie die fachlichen Grundlagen von Offener Kinder- und Jugendarbeit relevant.

1.1 Mediatisierung

Nach Friedrich Krotz (2003) ist Mediatisierung ein Metaprozess, der eine historisch neuartige und tiefgreifende mediale Durchdringung der Gesellschaft bedeutet. Weitere Metaprozesse sind Globalisierung, Individualisierung und Kommerzialisierung, die in Wechselwirkung mit Mediatisierung stehen. Die Wechselwirkungen zwischen den Metaprozessen werden ersichtlich, wenn die globale Vernetzung über Social Media und die Kommerzialisierung privater Kommunikation in den Blick genommen wird. Mediatisierungsprozesse finden in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen statt: im Alltag, in Wirtschaft und Politik. Infolge der durch digitale Medien entgrenzten räumlichen, zeitlichen und sozialen Reichweite von Kommunikation zeigen sich Chancen und Risiken der Mediatisierung: Kontakte, Informationen und Wissen sind zu jeder Zeit und überall erreichbar, neue Formen von sozialer Vernetzung und sozial-räumlicher Gestaltung sind möglich, zugleich entstehen neue Erwartungen und Abhängigkeiten von und Formen der Gewalt durch digitale Medien. Mediatisierung kann deshalb als hochgradig ambivalenter Prozess angesehen werden (Steiner 2015).

  • Krotz, F. (2003). Metaprozesse sozialen und kulturellen Wandels und die Medien. Medien-Journal, Jg. 27(Nr. 1), 7-19.
  • Steiner, O. (2015). Widersprüche der Mediatisierung Sozialer Arbeit. In N. Kutscher, T. Ley & U. Seelmeyer (Eds.), Mediatisierung (in) der Sozialen Arbeit. Hohengehren: Schneider Verlag.

1.2 Mediensozialisation

Digitale Medien stellen für Kinder und Jugendliche gegenwärtig eine in hohem Masse relevante Sozialisationsumgebung dar. Medien durchdringen dabei die «klassischen» Sozialisationsinstanzen Familie, Schule, Peers sowie auch die Kinder- und Jugendhilfe. In einer sozialökologischen Perspektive können digitale Medien als systemverbindend (z.B. zwischen OKJA und Schule) aber auch systemtrennend (z.B. Jugendliche in Geheimnisräumen unter sich) wirken. Für Kinder und Jugendliche können digitale Medien damit sowohl in Ablösungs- als auch Vergemeinschaftungsprozessen relevant werden (vgl. Dallmann et al. 2017). Zu welchem Zweck digitale Medien eingesetzt werden (Selektion), hängt von Bedürfnissen und Erfahrungen der Subjekte sowie Zielen der Systeme des Umfelds ab. Digitalen Medien kommt weiter eine altersphasentypische Bedeutung zu: In der frühen Kindheit werden in ersten Kontakten grundlegende Medienkompetenzen (Nutzungskompetenzen) aufgebaut. Mit zunehmendem Alter weiten sich die Nutzungsweisen und -Intensität aus: Digitale Medien sind am Aufbau von Beziehungen, an dem Erwerb von Wissen, an der Ausbildung von Identität und der Erschliessung des Sozialraums massgeblich beteiligt (vgl. Süss 2004). Ob digitale Medien die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen befördern oder behindern, hängt massgeblich von sozialen, ökonomischen und kulturellen Kapitalien des jeweiligen Herkunftsmilieus ab.

  • Dallmann, C., Vollbrecht, R. & Wegener, C. (2017). Mediensozialisation in sozialökologischer Perspektive. In D. Hoffmann, F. Krotz & W. Reißmann (Eds.), Mediatisierung und Mediensozialisation: Prozesse - Räume - Praktiken (S. 197-210). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden.
  • Süss, D. (2004). Mediensozialisation von Heranwachsenden: Dimensionen - Konstanten - Wandel. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

1.3 Fachliche Grundlagen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit

  1. Leitlinien von Jugendarbeit
    Jugendarbeit ist in Theorie und Praxis gekennzeichnet durch zentrale Prinzipien, so genannte Leitlinien. Sie bestimmen wichtige Orientierungspunkte auch für konzeptionelle Überlegungen. In der Literatur werden durchaus unterschiedliche Aufzählungen von Leitlinien gemacht. Durchgehend werden jedoch die Prinzipien Freiwilligkeit, Interessen- bzw. Lebensweltorientierung und Partizipation benannt.
    Freiwilligkeit ist die zentrale Bestimmungsgrösse von Jugendarbeit – Kinder und Jugendliche können die Angebote in Anspruch nehmen, haben jedoch keinen Zwang zur Teilnahme. Dies bestimmt die Beziehung von Heranwachsenden und Pädagog_innen, in der erstere autonomer sind und letztere weniger Machtmittel zur Verfügung haben.
    Daher unterliegt Jugendarbeit keinen inhaltlichen (etwa curricularen) Vorgaben, sondern orientiert sich an den Interessen und der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Gleichzeitig ist die Mitbestimmung und Mitgestaltung durch die Heranwachsenden wichtig, die nicht nur über die Inhalte, sondern auch über die Methoden mitbestimmen sollten. Partizipation sollte als Zielorientierung die möglichst weitegehende Autonomie der Kinder und Jugendlichen beinhalten.
  2. Sozialraumorientierung und Aneignungstheorie
    Aneignung und Sozialraumorientierung sind zwei Konzepte, mit denen Jugendarbeit pädagogisch an die Sozialisationsprozesse von Jugendlichen anknüpfen kann (Böhnisch/Münchmeier 1993).
    Mit dem Aneignungsbegriff (u. a. Deinet 1992) wird davon ausgegangen, dass gesellschaftliche Erfahrungen während des Herstellungsprozesses von menschlichen Produkten in diese eingeschrieben werden. Menschliche Gegenstände «enthalten» also die Erfahrungen der Gesellschaft. Indem sich das Subjekt aktiv (praktisch oder kognitiv) mit der Umwelt auseinandersetzt, eignet es sich diese gesellschaftlichen Erfahrungen an und entwickelt so seine Persönlichkeit. Dieser Aneignungsprozess ist geprägt vom Themenkern, dem die Aufmerksamkeit des Subjektes gilt. Jugendarbeit kann diesen Prozess durch Reflexion öffnen. Hierdurch wird der Themenkern bewusst gemacht – und gleichzeitig weitere Handlungsmöglichkeiten eröffnet.
    Das Konzept der sozialräumlichen Jugendarbeit (Böhnisch/Münchmeier 1993) knüpft an Sozialisationsprozesse von Heranwachsenden an, die geprägt sind von Individualisierung und Pluralisierung. Angesichts dessen müssen die Subjekte zahlreiche Entscheidungen treffen und insbesondere auch ihre Identität selbst (mit-)gestalten. Dies – ebenso wie die Aneignung der Umwelt – geschieht im Sozialraum.
    Angesichts der umfassenden Mediatisierung der jugendlichen Lebenswelt kann der Sozialraum dabei mit relationalen Raumkonzepten gefasst werden. Raum ist hierbei bestimmt durch Bausteine (Lebewesen und Objekte) und ihre Beziehungen zueinander und wird konstituiert durch die Subjekte (Löw 2001). Damit wird die Trennung von materialer und sozialer Welt aufgehoben, (Sozial-)Räume können sich verändern, sich bewegen und mehrere Räume können an einem Ort existieren. Insbesondere werden damit auch mediatisierte Räume wie zum Beispiel Gruppen auf Social Media umfasst.
    Jugendarbeit hat hier die Möglichkeit, diese Sozialraumkonstitution zu begleiten, um die Identitätsbildung und die Aneignungsprozesse zu unterstützen (Rösch i.E.). Sie kann (physische und mediatisierte) Orte zur Verfügung stellen, an denen Heranwachsende Räume konstituieren können, und dafür sorgen, dass sie Bausteine für die Raumkonstitution entdecken. Jugendarbeit kann zudem Freiräume für Konstitutionsprozesse bieten und diese für Reflexion öffnen.
    Jugendarbeit sollte hierbei immer auch Formen sozialer Ungleichheit, wie bspw. sozio-ökonomische Benachteiligungen, geschlechts- und ethnische Differenzen in der Lebenswelt und dem Medienhandeln Heranwachsender berücksichtigen.
  • Böhnisch, Lothar und Richard Münchmeier, Hrsg. (1993): Pädagogik des Jugendraums. Zur Begründung und Praxis einer sozialräumlichen Jugendpädagogik. 2. Aufl. Weinheim: Juventa.
  • Deinet, Ulrich (1992): Das Konzept "Aneignung" im Jugendhaus. Neue Impulse für die offene Kinder- und Jugendarbeit. Opladen: Leske + Budrich.
  • Löw, Martina (2001): Raumsoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Rösch, Eike (i.E.): Jugendarbeit in einem mediatisierten Umfeld. Impulse für ein theoretisches Konzept. Diss., Leipzig.

2 Konsequenzen für die OKJA

2.1 Pädagogische Implikationen

  1. Adressat*innenebene (vgl. hierzu Rösch i.E.)
    Die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen ist umfassend mediatisiert, wodurch auch Aneignungsprozesse wie auch die Sozialraumkonstitution mediatisiert sind. Jugendarbeit, die Heranwachsende adäquat in ihrer Sozialisation begleiten will, muss dies berücksichtigen. Daher muss auch die Praxis von Jugendarbeit im gleichen Masse mediatisiert sein wie die Lebenswelt von Jugendlichen – mit Blick auf die Beziehungsarbeit wie auch auf zeitlich begrenzte Angebote.
    Die Konstitution von Sozialräumen ist wichtig für die jugendliche Sozialisation, wird allerdings von den Subjekten selbst geleistet. Jugendarbeit kann sich als Werkstatt von Sozialraumkonstitution verstehen und Heranwachsende dabei begleiten, ihnen (mediatisierte und physische) Orte als Experimentierräume zur Verfügung stellen. Sie kann ebenso dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche verschiedene Bausteine für die Konstruktion von Sozialräumen vorfinden und sie in der Beziehungsarbeit begleiten. In der Jugendarbeit können Heranwachsende insbesondere Reflexionsanlässe finden, um Sozialräume neu zu betrachten.
    Hierbei sind entsprechende, auch mediatisierte, Orte (Social Media-Gruppen, Hashtags, WLAN im Jugendtreff, auch alternative Kommunikationsplattformen) wichtig. Ebenso muss Medienhandeln eine Querschnittsebene von Jugendarbeit sein: Dies kann dadurch geschehen, dass mediatisierte Kommunikation und Medienhandeln konzeptionell in Angeboten mitbedacht wird und mediatisierte Aneignungsprozesse ermöglicht werden. Zum anderen können und müssen auch Formen von «digitaler» Jugendkultur ein eigener Gegenstandsbereich von Jugendarbeit sein (analog etwa zu Skateangeboten) und sich in einschlägigen Angeboten niederschlagen. Weiter sind soziale Ungleichheiten zwischen und von Heranwachsenden im Medienhandeln zu berücksichtigen.
    Dabei gelten bestehende Prinzipien und insbesondere die Leitlinien von Jugendarbeit weiter: Freiwilligkeit ist weiterhin wichtig und insbesondere auf Social Media müssen Heranwachsende über die pädagogische Interventionen mitbestimmen können. Lebensweltorientierung kann zudem etwa auch bedeuten, dass auch kommerzielle Plattformen benutzt werden. Gleichzeitig sind Angebote insofern partizipativ zu gestalten, als dass auch die technische Gestaltung und Aneignung möglich ist. Soweit dies mit der Lebensweltorientierung zu vereinbaren ist, sind daher auch alternative, quelloffene Plattformen und Technologien zu nutzen. Gemeinsam mit den Jugendlichen sind hier Abwägungen zu treffen.
    Insgesamt ist sowohl die Weiterentwicklung bestehender Praxis- und Vor-Ort-Konzepte wichtig, aber auch die Entwicklung neuer Angebotsformen.
  2. Gesellschaftliche Ebene
    Offene Kinder- und Jugendarbeit zeichnet sich durch ihre Subjektorientierung aus, richtet ihren Fokus aber auch auf die politischen und wirtschaftlichen Systeme, in welchen Kinder und Jugendliche aufwachsen. Digitale Medien, Plattformen und Software werden heute durch wenige globale, profitorientierte Unternehmen gestaltet und angeboten. Damit kommt digitalen Medien Systemcharakter zu. Die OKJA kann dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche digitale Medien systemisch einsetzen und sich (wieder-)aneignen: u.a. durch den Einsatz quelloffener Software und deren community-basierten Weiterentwicklung, durch die Nutzung digitaler Medien zu Zwecken der (politischen) Partizipation sowie der Gestaltung des Sozialraums vermittels digitaler Medien. Weiter kann sich die OKJA politisch für Anliegen der Netzpolitik wie bspw. Netzneutralität, Persönlichkeitsrechte und Datenschutz einsetzen.
    Teil dieses Engagements für bessere gesellschaftliche Rahmenbedingungen für jugendliches Aufwachsen in einer mediatisierten Gesellschaft kann und sollte auch Zusammenarbeit mit Akteur*innen und Organisationen aus der Commons- bzw. Tech-Szene sein. Auf diese Weise können Netzwerke unterstützt bzw. geschaffen werden, um politischen Forderungen wie zuvor geschildert zu einer Umsetzung zu verhelfen. Auch und gerade für die praktische Arbeit sind solche Kooperationen zielführend, denn auf diese Weise können medienbezogene Vorhaben, für die das Wissen in der Einrichtung noch nicht vorhanden ist, umgesetzt werden. So kann es möglich sein, auch gemeinsam mit Jugendlichen neue Angebote umzusetzen, die partizipativ gestaltet sind und Heranwachsenden umfassende Lernchancen ermöglichen. Zudem können Technologien genutzt werden, die datensicher und offen sind und mittelfristig eine Alternative zu kommerziellen Plattformen ermöglichen.

2.2 Professionelle Implikationen

Digitale Medien beeinflussen das Verhältnis von Professionellen, Organisationen und Adressat*innen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit in ihren Erbringungskontexten (vgl. Kutscher et. al 2011). Entsprechend sind Fragen zu stellen, welche Chancen und Risiken digitale Medien für die Strukturen und Prozesse der Organisation, die Fachpersonen und ihr professionelles Handeln sowie die Lebenssituation von Adressat*innen der OKJA haben. In Bezug auf die Organisation sind Abklärungen zu treffen, inwieweit die Digitalisierung den Zielen der Organisation entspricht und kritisch zu reflektieren, inwiefern mit der Digitalisierung bspw. Ziele des Monitorings von Adressat*innen und Wirkungsnachweise Sozialer Arbeit verbunden sind. In Bezug auf die Professionalität ist zu fragen, welche neuen Aneignungsspielräume und Gestaltungszwänge sich im professionellen Handeln durch digitale Medien ergeben. In Bezug auf die Adressat*innen ist u.a. zu fragen, inwiefern sich mit dem Einsatz digitaler Medien Autonomie und Beteiligungsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche ergeben, aber auch, welche neuen Formen sozialen Ausschlusses erfolgen.

  • Kutscher, N., Ley, T. & Seelmeyer, U. (2011). Subjekt – Technik – Kontext. Zur Aneignung von Informations- und Kommunikationstechnologien in der Sozialen Arbeit. In J. i. W. Arbeitskreis (Ed.), Jugendhilfeforschung. Kontroversen – Transformationen – Adressierungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.


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