From Doj WIKI

Jugend und Rausch – Praxishilfe zur Förderung der Konsumkompetenz in der OKJA[edit | edit source]

Herausgeber: DOJ/AFAJ

Erstveröffentlichung: Juni 2022

Cover Fachpublikation Jugend und Rausch

Letzte Aktualisierung: 2022-11-24
PDF herunterladen


Diese Fachpublikation des Dachverbands Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz (DOJ) wurde vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Auftrag gegeben und entstand zwischen 2019 und 2022. Das BAG verfolgt im Rahmen der Strategie Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD-Strategie) und der nationalen Strategie Sucht das Ziel, die Gesundheitskompetenz in der Schweizer Bevölkerung zu stärken.

Den Lebensphasen Kindheit und Jugend wird in den beiden Strategien besonders grosse Beachtung beigemessen, da die in diesen Lebensabschnitten erworbenen Kompetenzen sich auf die Entwicklung der individuellen Gesundheit während des ganzen weiteren Lebens auswirken. Gerade die Teilnahme an ausserschulischen Angeboten wie jene der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) trägt massgeblich zur Förderung und Befähigung von Kindern und Jugendlichen bei. Die in der Regel ausgebildeten Fachpersonen der OKJA begleiten Jugendliche beim Meistern ihrer Entwicklungsaufgaben, sie schaffen und erhalten Frei- und Erfahrungsräume für Jugendliche und sie ermöglichen ihnen im Rahmen von Aktivitäten mitzubestimmen, mitzuwirken, Verantwortung zu übernehmen und somit wichtige und vielfältige Kompetenzen zu erwerben. Zu diesen gehört auch die Gesundheitskompetenz, nämlich die Fähigkeit die wesentlichen Informationen zu finden, zu verstehen und zu nutzen, um im Alltag Entscheide treffen zu können, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken.

Im Auftrag des BAG legt der DOJ in dieser Praxishilfe den Schwerpunkt auf die Stärkung der Konsumkompetenz als Teil der Gesundheitskompetenz der Jugendlichen. Konsumkompetenz beinhaltet auch Rausch- und Risikokompetenz. Diese fachliche Grundlage soll Fachpersonen der OKJA in ihrer Haltung stärken, ihre Reflexion und Vernetzung fördern sowie sie dazu befähigen und ermutigen, mit den Jugendlichen offen über legale und illegale psychoaktive Substanzen zu sprechen. Ein Praxisbezug veranschaulicht, wo und wie die Förderung der Konsumkompetenz der Jugendlichen in den Angeboten der OKJA möglich ist. Die Stärkung der Fachpersonen ermöglicht es ausserdem, dass diese unter anderem Risiken frühzeitig erkennen und im Sinne der Früherkennung und Frühintervention handeln können.

Puzzle Praxishilfe Konsumkompetenz


Die Bedürfnisse der Fachpersonen in Bezug auf Konsumkompetenz wurden Anfang 2021 in einer Umfrage in fünf Kantonen (Aargau, Fribourg, Graubünden, Waadt und Zürich) erhoben. Die drei ersten Kapitel zu den institutionellen Rahmenbedingen, der Haltung und der Kommunikation haben zwar auch über das Thema Konsum hinausgehende Gültigkeit für das Tätigkeitsfeld OKJA, werden hier aber behandelt, weil sie von grundlegender Bedeutung für gelingende Förderung von Konsumkompetenz sind. Das erste Kapitel dient dazu, die Kommunikation mit den Auftraggebenden zu erleichtern. Im zweiten und dritten Kapitel geht es um die Stärkung der professionellen Haltung der Fachpersonen und um konkrete Beispiele dazu, worauf es bei der Kommunikation mit Jugendlichen ankommt. Das vierte Kapitel vermittelt spezifische Informationen über psychoaktive Substanzen, Risiken und Schadensminderung (Safer Use). Im Kapitel Vernetzung wird auf Weiterbildung und Zusammenarbeit sowie auf Früherkennung und Frühintervention (F+F) eingegangen. Zu Letzterem finden sich auch in den ersten Kapiteln Anhaltspunkte, da F+F eine Querschnittaufgabe ist. Abschliessend bietet das letzte Kapitel anregende Beispiele aus der Praxis. Des Weiteren finden sich im Anhang weiterführende Links und Hinweise auf Fachpublikationen sowie einige Begriffserklärungen. Jedes Kapitel ist ein Puzzleteil, welches zur Förderung der Konsumkompetenz in der OKJA beiträgt.

Rahmenbedingungen[edit | edit source]

Jugendliche erlernen in der Pubertät den Umgang mit dem eigenen Körper und erleben oft erste Rausch- und andere Grenzerfahrungen. Sie wollen ausprobieren und Grenzen testen, dafür brauchen sie Lernfelder. Die Anerkennung und Förderung der Konsumkompetenz ist Teil einer Präventionsstrategie, die einen verantwortungsbewussten Umgang mit psychoaktiven Substanzen (wie auch den Konsumverzicht) ermöglicht und zur Früherkennung von Suchtverhalten beiträgt. Nicht die Substanz und der Konsum sollen im Mittelpunkt stehen, sondern vielmehr der Umgang mit herausfordernden Situationen und die Resilienzfaktoren. Wichtig ist das Bewusstsein, dass das Erlernen dieser Kompetenz ein Prozess ist. Auch für Erwachsene ist Konsum immer wieder eine Herausforderung, es kann also nicht von Jugendlichen erwartet werden, dass sie diese Kompetenz einmal erlernen und sich dann einfach «im Griff haben». Konsumkompetenz ist folglich eine lebenslange Aufgabe, an welcher immer wieder gearbeitet werden muss. Es geht darum, in der Pubertät eine gute Basis zu schaffen und die Jugendlichen durch den Lernprozess zu begleiten. In diesem Sinne arbeitet die OKJA sekundärpräventiv und ist nicht abstinenzorientiert. Fachpersonen der OKJA können am besten mit Jugendlichen kommunizieren und in Dialog treten, wenn sie den Konsum enttabuisieren.

Diese Haltung kann zu Spannungen zwischen den Fachpersonen der OKJA und ihren Auftraggebenden führen. Konsumkompetenz fördern ist oft nicht das, was die Vorgesetzten oder Gemeinden hören möchten. Abstinenz und Repression ist vermeintlich einfacher durchzusetzen und es stellen sich keine Fragen zur Legalität und zum Umgang mit Grauzonen. Umso wichtiger ist es, dass sich die Fachpersonen im Klaren sind, wie und aus welchem Grund sie die Konsumkompetenz der Jugendlichen fördern.

Erwartungen der Arbeitgebenden kennen

Wie sehen die Erwartungen der Arbeitgebenden an die Fachpersonen der OKJA aus? Was wünschen sie sich oder fordern sie zum Beispiel von Aufsuchender Jugendarbeit? Geht es vielleicht darum «Ruhe und Ordnung» im Ort zu bewahren? Fachpersonen der OKJA haben keinen Ordnungsauftrag, weder im Jugendtreff noch im öffentlichen Raum. Die Grundlagenpapiere (vgl. Quellen und Literatur) des DOJ liefern dafür die nötigen Argumente und erläutern die dazugehörenden Grundprinzipien.

Fachpersonen der OKJA sollten die Erwartungen des Auftraggebenden kennen und sich klar positionieren. Dies ist eine Herausforderung, die auch in Zusammenhang mit dem Tripelmandat der Sozialen Arbeit steht. Fachpersonen der OKJA stehen als Sozialarbeitende im Spannungsverhältnis zwischen drei Mandaten. Das Erste beinhaltet die Arbeit mit der Zielgruppe (d. h. im Fall der OKJA Befähigung und Unterstützung der Kinder und Jugendlichen). Das zweite Mandat betrifft das Umsetzen des Auftrags der Gemeinde (oder des Vereins) als Arbeitgeberin. Als Erbringer sozialer Leistungen hat die Gemeinde Ansprüche an Kontrolle darüber, wie die dafür eingesetzten Ressourcen eingesetzt werden und wirken sollen. Das dritte Mandat umfasst die Verantwortung gegenüber der Profession Soziale Arbeit (Menschenrechte, Berufskodex, Professionstheorien) und ist in Bezug auf die Haltungsfrage der Fachpersonen und das Engagement für die OKJA von grosser Bedeutung. Dieses Tripelmandat, wie es Staub-Bernasconi (2018) formuliert, macht die Soziale Arbeit zur Menschenrechtsprofession und verdeutlicht die Verantwortung der Fachpersonen, sich für die Menschenrechte, die Kinderrechte und die davon abgeleiteten Grundprinzipien der OKJA einzusetzen.

Mehrwert der eigenen Arbeit kennen und formulieren

Die OKJA ist ressourcenorientiert, sie steht allen offen und sie ermöglicht, dass Jugendliche sich im Rahmen der Angebote engagieren. Durch Öffentlichkeitsarbeit kann dieser Mehrwert sichtbar gemacht und Anerkennung gewonnen werden. Die OKJA leistet per se und in ihrem Regelbetrieb Präventionsarbeit. Dies ist oft nicht sichtbar genug. Wenn der OKJA mehr Raum gegeben wird und sie als Drehscheibe der Kinder- und Jugendförderung auf Gemeindeebene agieren kann, wird ihr Einfluss grösser und ihre Bedeutung besser wahrgenommen.

Die Wirkung und der Nutzen der OKJA lassen sich in einem Konzept oder Wirkungsmodell (vgl. Quali-Tool) darstellen. Durch das gemeinsame Erstellen eines Konzepts können ausserdem Missverständnisse aus dem Weg geräumt werden, der Arbeitsauftrag wird klarer und die Fachpersonen gewinnen an Sicherheit, wenn es darum geht, ihr Vorgehen zu begründen.

Haltung bekanntmachen

Durch eine offene und professionelle Haltung können die Fachpersonen mit den Jugendlichen auf Augenhöhe diskutieren und wertvolle Beziehungen aufbauen. Diese Beziehungsarbeit ist die Grundlage für Früherkennung und Frühintervention (F+F). Zu F+F gehören Enttabuisierung von Konsum, Wissensvermittlung und Vertrauen. Die Auftraggebenden müssen diese Herangehensweise kennen und mittragen. Dies ist hilfreich, wenn sich zum Beispiel Eltern bei der Gemeinde beschweren, weil ihr Kind mit Präventionsmaterial nach Hause gekommen ist oder weil im Jugendtreff ein Anlass zu Safer Use stattfindet.

Arbeitsbedingungen

«Die Förderung und Implementierung von F+F braucht einen klaren Auftrag auf politischer und institutioneller Ebene sowie finanzielle, zeitliche und personelle Ressourcen» (F+F Charta, 2016).

Zu guter Letzt sind passende Arbeit- und Anstellungsbedingungen vonnöten. Damit Fachpersonen alle bisher genannten Parameter sowie die Grund- und Arbeitsprinzipien der OKJA einbeziehen können, brauchen sie genug Zeit, das heisst ein angemessenes Arbeitspensum. Die Infrastruktur soll ebenfalls dem Auftrag entsprechen. Die Fachpersonen sollten flexibel arbeiten, sich nach den Bedürfnissen der Zielgruppen richten sowie sich weiterbilden und vernetzen können. OKJA ist Beziehungsarbeit. Um diese in einer Gemeinde oder einem Quartier aufzubauen, braucht es mehrere Jahre. Bei schlechten Arbeitsbedingungen wechseln die Fachpersonen bereits nach kurzer Zeit die Stelle, viele Kontakte und Erfahrungen gehen durch häufige Personalwechsel verloren. Für Gemeinden und Vereine lohnt es sich daher in ihre Fachpersonen zu investieren. Erst gute Arbeitsbedingungen ermöglichen wirksame OKJA.

Haltung der Fachpersonen[edit | edit source]

Das Erlernen von Konsumkompetenz ist ein Prozess, der vermutlich nie ganz abgeschlossen ist. Viele Menschen durchleben in der Jugend eine stürmische Phase mit Konsumexzessen, lernen daraus und leben danach über Jahrzehnte mit stabilen und weitgehend unproblematischen Konsummustern. Sie leben nicht abstinent und empfinden den relativ risikoarmen Konsum als lustvolle Bereicherung ihres Lebens. Bei kritischen und verstörenden Lebensereignissen wie dem Verlust von Bezugspersonen und Arbeitslosigkeit sowie in Phasen von grosser Belastung oder bei Krankheit, Behinderung und Altersbeschwerden wird die Konsumkompetenz plötzlich wieder zur Herausforderung. Nicht selten neigen gefestigte Menschen in diesen vulnerablen Situationen zu exzessivem Hochrisikokonsum, zu problematischen Konsummustern oder zu Sucht.

Die OKJA ebenso wie andere Akteur*innen der Kinder- und Jugendförderung haben zum Ziel, die Aufwachsbedingungen in einem Sozialraum zu verbessern und eine gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu fördern. Die Fachpersonen der OKJA sind mit ihrer Grundhaltung aber auch Teil dieser Aufwachsbedingungen und nehmen dadurch direkt Einfluss auf Kinder und Jugendliche und auf deren Lebenswelt. Die Haltung, die Regeln, welche die OKJA in ihren Angeboten aufstellt, und die Botschaften, die sie vermittelt, sind deshalb entscheidend für die Wirkung ihrer Arbeit.

Die Adoleszenz ist an sich eine verletzliche und zum Teil sehr bewegte Lebensphase, in der die jungen Menschen durch den Ablösungsprozess von den Eltern die Selbstverantwortung für vieles übernehmen müssen. Dazu gehört auch der eigene Konsum. Dabei ist Masshalten oft schwierig, denn es geht in der Adoleszenz unter anderem darum Grenzen auszuloten. Verzichten ist oft unmöglich, denn auch wenn der innere Kompass zur Vorsicht mahnt, möchten die Jugendlichen dennoch zur Peergruppe dazugehören. Leichtsinniger Probierkonsum sowie genussvoller und sozialer Konsum kommen im Jugendalter ebenso vor wie exzessiver oder sehr regelmässiger Konsum als Reaktion auf Druck und Leid, als Selbstmedikation bei psychischen Problemen oder aufgrund von Gehemmtheit in sozialen Situationen.

Akzeptierende Grundhaltung

Um Konsumkompetenz zu vermitteln, sollten Fachpersonen der OKJA und Jugendliche davon ausgehen, dass es risikoarme Konsumformen und -muster gibt und dass diese erlernbar sind. An dieser Überzeugung ist festzuhalten, auch wenn das Vermitteln von Konsumkompetenz nicht als linearer Prozess verläuft, sondern geprägt ist von Rückschlägen und Konflikten. Schliesslich möchten die Jugendlichen Erfahrungen sammeln, Grenzen ausloten und ihre eigenen Wege einschlagen.

Um diesen Prozess zu begleiten, braucht es Fachpersonen, die kompetent sind, Konsummuster und -formen zu beurteilen und Risiken einzuschätzen, und die eine Beziehung aufbauen, halten und gestalten können. Dafür müssen sie die einzelnen Jugendlichen erst einmal in ihrer Entwicklung und ihrer Lebenswelt wahrnehmen. Schon das setzt Offenheit, Gesprächsbereitschaft und Unvoreingenommenheit voraus. Zudem sind bereits ehrliche Gespräche über Essgewohnheiten, Bildschirmzeit und Alkoholkonsum ziemlich persönlich, viel mehr noch sind es solche über den Konsum von psychoaktiven Substanzen. Es fällt Jugendlichen deshalb oft leichter diese Themen mit Gleichaltrigen oder mit völlig Fremden und ausserhalb ihrer Lebenswelt stehenden Menschen zu besprechen, beispielsweise Kontakte im Internet. Um solche Gespräche zwischen Jugendlichen und kompetenten Bezugspersonen, die sie über längere Zeit begleiten, zu ermöglichen, braucht es eine tragende, ehrliche und akzeptierende Beziehung, in der die Jugendlichen nicht damit rechnen müssen, verurteilt zu werden oder das Gegenüber zu schockieren.

Die Grund- und Arbeitsprinzipien der OKJA wie Offenheit, Niederschwelligkeit und Beziehungsarbeit machen eine ebensolche Beziehung zu den Jugendlichen möglich. Im Unterschied zu anderen Bezugspersonen wie Lehrpersonen oder Eltern sind Fachpersonen der OKJA nahe an der Lebenswelt der Jugendlichen und sie pflegen ausserdem bewusst eine Kultur der 2., 3., und 4. Chance. Dies verhindert Beziehungsabbrüche und fördert den Austausch. Die Erfahrung aus der OKJA zeigt, dass Jugendliche ein schier unersättliches Bedürfnis nach Austausch mit erwachsenen Bezugspersonen haben. Ist das Eis einmal gebrochen, stellen sie den Fachpersonen unzählige, teils auch persönliche Fragen zu heiklen Themen. Die Fachpersonen der OKJA stehen deshalb oft mit ihrer gesamten Persönlichkeit in Beziehung zu den Jugendlichen, was eine gefestigte professionelle Identität, das heisst einen bewussten Umgang mit Nähe und Distanz und mit den eigenen Grenzen, voraussetzt. Eigene Erfahrungen können, müssen jedoch nicht thematisiert werden. Mit einer abstinenzorientierten normativen Haltung, die einem Gefühl der eigenen Unfehlbarkeit entspringt, entsteht aber kaum Raum für offene und konstruktive Gespräche mit den Jugendlichen.

Team-Supervision und eine sorgfältige Begleitung von noch unerfahrenen Fachpersonen sind in der OKJA wichtig. Je weniger Vorgaben der Auftrag eines Berufsfeldes zur Beziehung und Haltung gegenüber den Jugendlichen macht, desto gefestigter und reflektierter sollten die Berufsidentität der einzelnen Fachpersonen und die Haltung des Teams sein. Die scheinbare Lockerheit und Offenheit in Bezug auf heikle Themen im Allgemeinen machen das Berufsfeld der OKJA deshalb umso anspruchsvoller.

Von Regeln und Lernfeldern

Eine akzeptierende Grundhaltung bedeutet vor allem Akzeptanz gegenüber den konsumierenden Jugendlichen und nur am Rande Offenheit für das Thema Konsum. Eine akzeptierende Grundhaltung ist nicht gleichzusetzen mit unreflektierter Akzeptanz von Konsum. Erst aus einer akzeptierenden Haltung und einer tragfähigen Beziehung heraus sind Präventionsbotschaften glaubwürdig. Erst wenn Jugendliche wissen, dass ihr Gegenüber im Thema kompetent, unvoreingenommen und ehrlich ist, werden sie sich Konsumregeln, Konsumverbote oder Warnungen zu Herzen nehmen. Es ist unerlässlich, dass Fachpersonen klar Stellung beziehen bei riskantem Konsum, dass sie Gesundheitsrisiken und Suchttendenzen klar benennen und dass sie Regeln für ihre Angebote definieren und deren Einhaltung einfordern. Risikofaktoren und Warnsignale müssen von den Fachpersonen erkannt werden, um gegebenenfalls Massnahmen im Sinne von F+F einzuleiten (mehr dazu im Kapitel Vernetzung).

In der primärpräventiven Arbeit mit Kindern und jüngeren Jugendlichen werden Fachpersonen der OKJA eher eine abstinenzorientierte Haltung vertreten und einen Rahmen schaffen, in dem Nulltoleranz gilt. Dies gilt auch für Lager, Ausflüge und Auslandreisen.

Auch in der Sekundärprävention, also in der Arbeit mit Jugendlichen, die schon Substanzen, Alkohol oder Zigaretten konsumieren, sind abstinenzorientierte Angebote wichtige Lernfelder, in denen beispielsweise Suchttendenzen klar zutage treten. Wenn Jugendliche den Ausflug in den Seilpark sausen lassen, weil sie dort nicht kiffen oder trinken können, oder dort berauscht eintreffen, so ist dies für aufmerksame Fachpersonen der OKJA ein Steilpass, um den Autonomieverlust von Sucht und die Bedeutung von regelmässigem Konsumverzicht zu thematisieren. Wann ist Konsum in Ordnung und wann nicht? Was gebe ich auf, wenn ich nicht verzichten kann?

Selbstreflexion und -wahrnehmung sowie stetes lernen und sich entwickeln werden unter anderem gefördert durch Auseinandersetzungen und Reibungen, auf welche Fachpersonen nicht mit Beziehungsabbruch, sondern mit der Kultur der 2., 3. und 4. Chance begegnen sollten. Mit einer akzeptierenden Grundhaltung zu arbeiten, heisst für die Fachpersonen der OKJA, Konflikte, Spannungen, Rückschläge und Enttäuschungen zu begleiten, um sie für die Jugendlichen fruchtbar zu machen. Das ist das Gegenteil von Laisser-Faire, denn dafür müssen die Fachpersonen bereit sein, konstruktiv und dauerhaft in Beziehung zu den Jugendlichen zu stehen.    

Kommunikation[edit | edit source]

Verbale und nonverbale Kommunikation sind in der OKJA ein schier unerschöpfliches Thema. Es ist zentral, dass Jugendliche sich wohl fühlen mit der Art, wie Fachpersonen kommunizieren, denn in der OKJA findet der Kontakt mit den Fachpersonen in der Freizeit der Jugendlichen, das heisst für sie freiwillig und direkt in ihrer Lebenswelt, stattfindet. In einem Angebot, Projekt oder Jugendtreff sind die Fachpersonen Gastgeber*innen, welche den Rahmen abstecken und die Regeln vorgeben. Aber eigentlich ist es ein Treffpunkt der Jugendlichen. Der Jugendtreff leert sich schnell, wenn Fachpersonen und Einrichtung keine einladende Haltung und Kommunikation pflegen. In der Aufsuchenden Arbeit sind die Fachpersonen dazu auch noch Gast in der Welt der Jugendlichen im öffentlichen Raum. Hier besteht ein grundlegender Unterschied zum Schulkontext oder zum Elternhaus.

Vom Small Talk zur Beziehung

Humor, Authentizität und Freude an den Jugendlichen gehören zu den wichtigsten Werkzeugen für gelingenden Small Talk. Für den Aufbau einer Beziehung braucht es aber mehr, nämlich echtes Interesse. Erwachsene sehen in Jugendlichen oftmals zukünftige Erwachsene und ihre Gesprächsführung zielt darauf ab herauszufinden, ob die Jugendlichen sich gesellschaftskonform entwickeln. «Wie geht es in der Schule, wie war das Zeugnis, wie klappt es mit der Lehrstellensuche und hast du eine*n Freund*in?» sind typische Fragen Erwachsener.

Um Vertrauen und Beziehung zu schaffen, sollte es in Gesprächen aber vielmehr darum gehen, wie Jugendliche im Moment denken, was sie jetzt brauchen, um sich wohlzufühlen, was sie wütend macht und was ihnen wichtig ist und warum. In günstigen Rahmenbedingungen haben die Fachpersonen der OKJA die Zeit, den Raum, die Aufgabe und das Privileg, den Jugendlichen auf diese Art zu begegnen und damit die Basis zu legen für einen tragenden, begleitenden Kontakt.

Glaubwürdige Gesprächspartner*innen

Für das Vermitteln von Konsumkompetenz reicht aber auch eine tragende Beziehung allein nicht aus. Obwohl sich Jugendliche für viele Themen erwachsene Gesprächspartner*innen wünschen, müssen diese glaubwürdig sein, damit die Jugendlichen sie akzeptieren und respektieren. Fachpersonen der OKJA sollten daher:

  • Kompetent sein. Jugendliche testen aus, ob Erwachsene beispielsweis im Thema Substanzkonsum oder Gaming wissen, wovon sie sprechen.
  • Sachbezogen und auf das Wohl der Jugendlichen ausgerichtet argumentieren können. Argumente, die sich rein auf das Wohl und die Normen der Gesellschaft beziehen, sind nicht überzeugend und regen nicht zum Nachdenken an: «Das gehört sich nicht, das ist verboten, wenn das alle tun würden…».
  • Eigenständig und authentisch sein. Erwachsene, die sich anbiedern, ihre Meinung nach dem Wind drehen, unsicher und zögerlich oder übertrieben autoritär auftreten, werden von Jugendlichen nicht ernstgenommen.
  • Nicht manipulativ, blossstellend oder selbstgefällig auftreten. Gerade wenn Jugendliche in der Gruppe und dadurch selbstbewusster und kritischer sind, reagieren sie ablehnend auf Erwachsene, die manipulativ oder blossstellend diskutieren, die sich in selbstgefälligen Monologen verfangen und Witze auf Kosten anderer machen.
  • Vertrauenswürdig sein. Dazu gehört, dass sie persönliche Dinge nicht weitersagen, private Informationen nicht ausnutzen, nicht verurteilen und nicht beim ersten Problem die Beziehung abbrechen.
  • Ehrlich sein. Sie übertreiben Risiken nicht künstlich und verheimlichen nicht, dass Konsum auch lustvoll und horizonterweiternd sein kann. Sie geben zu, wenn sie etwas nicht wissen und sind selbst bereit dazuzulernen.

Strategien

Zusammen fachsimpeln

Niemand wird auf Dauer gerne belehrt und Belehrungen regen selten zum Nachdenken an. Aber Jugendliche fachsimpeln gern und ausgiebig zu Themen, für die sie sich interessieren. Gerade durch die Nutzung des Internets sind sie gut informiert. Sie lernen auch gern dazu und entwickeln sich intellektuell. Zusammen zu einem Thema im Internet recherchieren und sich als Fachperson der OKJA erklären lassen, woher Jugendliche ihre Informationen haben, sind gute Strategien, um den Dialog und die Beziehung gleichgewichtiger zu machen.  

Voneinander lernen

Es ist wichtig die Jugendlichen im Thema Konsum als Expert*innen ihrer Lebenswelt anzuerkennen. Fachpersonen können für Jugendliche ein paar Aussagen einer passenden Studie oder einen Zeitungsartikel zusammenfassen und sie um ihre Meinung dazu fragen. Oder sie fragen sie für Alltagsfragen rund um den Jugendtreff um Rat. Das ist sehr lehrreich, regt die Jugendlichen zum Denken über sich selbst an und erleichtert vieles in einer Atmosphäre des gegenseitigen Lernens.

Fair diskutieren und debattieren

Die Lust am Diskutieren ist unerlässlich für die Arbeit in der OKJA. Anregendes Moderieren von Diskussionen unter Jugendlichen oder argumentative Gespräche mit Jugendlichen sind Kernkompetenzen von Fachpersonen der OKJA. In den Angeboten der OKJA hat es für mehr Platz als nur für ein «Ja» oder ein «Nein». Wenn Jugendliche argumentieren lernen und sich verbal wehren können, macht das so manche Überreaktion unnötig. Gefühle in Worte zu fassen und Gedanken zu formulieren fördern die Bewusstheit über sich selbst und sind ein wichtiger Teil der Resilienzbildung.

Stolpersteine

Fachpersonen der OKJA müssen nicht jung oder jugendlich sein, sie müssen nicht skaten können und keine Jugendmode tragen, um von den Jugendlichen wahr- und ernstgenommen zu werden. Hilfreich ist eine möglichst klare Sprache, die auch manchmal einen Fachbegriff enthalten darf und soll.

Fachpersonen sind den Jugendlichen sprachlich fast immer weit überlegen. Diskussionen sind wichtig, Konflikte auch und Provokationen sind ab und zu schwierig auszuhalten. Aber Jugendliche verbal in die Ecke zu drängen und einen Gesichtsverlust zu provozieren, wenn möglich noch im Beisein von anderen Jugendlichen, ist nicht nur unprofessionell und kontraproduktiv, sondern je nach Situation wirklich gefährlich. Die Fachpersonen sind in schwierigen Diskussionen und Situationen die Hüter*innen der Fairness!  

Grauzonen und Glaubwürdigkeit

Ein Blick auf die Arbeitsweisen der Fachpersonen der OKJA macht klar, welche Chancen sich für das Vermitteln von Konsumkompetenz in der nahen Begleitung von Jugendlichen auftun. Abstinenzorientierte Haltungen und Botschaften hingegen hemmen den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses und das Vermitteln von sachlichen Informationen. Nicht zuletzt wird die Glaubwürdigkeit der Fachpersonen durch Verbote stark eingeschränkt. Wenn die Fachpersonen den Jugendlichen erklären, Hanf sei wegen seiner Gefährlichkeit verboten, haben sie jegliche Glaubwürdigkeit verspielt, sobald die Jugendlichen unbeschadet ihren ersten Joint rauchen. Warum sollten sie dann noch glauben, dass Rauchhanf bei vorbelasteten Jugendlichen Psychosen auslösen kann oder dass zeitweise synthetische Cannabinoide verkauft werden, die toxisch sind?

Haltung, Kommunikation und Glaubwürdigkeit sind zentrale Elemente, wenn es um die Förderung der Konsumkompetenz bei Jugendlichen geht. Die Fachpersonen bewegen sich hier in einer Grauzone voller Widersprüche in Bezug auf die Legalität der Substanzen aber auch, weil Enttabuisierung von Konsum nicht bedeutet, dass dessen Risiken verharmlost werden. Zur Bewältigung dieser Gratwanderung bieten die folgenden Kapitel den Fachpersonen konkrete Praxishilfen.

Sich und andere informieren[edit | edit source]

Die Jahre zwischen der Kindheit und dem Erwachsensein bringen für die Jugendlichen viele Unsicherheiten und Herausforderungen mit sich. Vor allem in verletzlichen Situationen kann Konsum problematisch werden, sei es derjenige von psychoaktiven Substanzen (u. a. Alkohol), Zigaretten, Sport, Essen, Sex, Videospielen, Sozialen Medien oder Fast Fashion. Dieses Kapitel widmet sich spezifisch den psychoaktiven Substanzen, denn diese üben durch ihre (teilweise) Illegalität und im Zusammenhang mit ersten Rauscherfahrungen in der Pubertät, aus soziologischer Perspektive ein Übergangsritus zwischen Kindheit und Erwachsensein, eine besondere Anziehungskraft auf die Jugendlichen aus (Lange et al., 2018).

Wissen über psychoaktive Substanzen zu haben fördert die Konsumkompetenz von Jugendlichen. Aus dieser Sicht stellen sich für Fachpersonen folgende Fragen:

  • Wie entsteht in den Angeboten der OKJA ein sicheres Umfeld, in dem die Jugendlichen offen Fragen zu psychoaktiven Substanzen stellen können? Dies ist vor allem wichtig, da dieses Thema schnell Vorurteile, Anschuldigungen und Stigmatisierung hervorrufen kann.
  • Was bestärkt die Jugendlichen darin sich mit den psychoaktiven Substanzen, die ihnen begegnen, auseinanderzusetzen?
  • Welche Angebote der OKJA können bei Wissensvermittlung und Kompetenzförderung unterstützen?

Zum Konsum von psychoaktiven Substanzen können viele Fragen auftauchen, unter anderem, weil sich mit der Ablösung von den Eltern eine neue Welt für die Jugendlichen auftut, eine Welt, in der Substanzen konsumiert werden, denen sie zuvor noch nicht begegnet sind. Wenn Jugendliche Fragen stellen, ist das immer ein gutes Zeichen. Dies zeugt davon, dass sie sich mit dem Konsum und den damit einhergehenden Risiken auseinandersetzen.

Substanzwissen

In der Deutschschweiz gibt es Organisationen und Netzwerke (vgl. Links zu Substanzwissen), die Fachpersonen der OKJA breite Information über Substanzen und Konsum bieten. In Angeboten der OKJA Informationsmaterial für Jugendliche zur Verfügung zu stellen ist ein guter Weg, um Offenheit und Akzeptanz zu signalisieren. Allerdings sind zu einigen Materialien begleitenden Erklärungen nötig und mancher Informationsbedarf wird sich zudem erst in einem Einzelgespräch herauskristallisieren.

Drug, Set und Setting

Im Umgang mit psychoaktiven Substanzen ist nicht nur das Substanzwissen wichtig, sondern auch das Wissen über die Wechselwirkungen der Substanzen mit Körper und Umfeld. Dies wird mit den drei Faktoren Drug, Set und Setting beschrieben.

DrugsSetSetting D.jpg


Quelle: Saferparty Streetwork

Unter Drug wird die psychoaktive Substanz verstanden. Um welche Substanz handelt es sich? Welches Wirkprofil weist sie auf? Wie ist die Beschaffenheit der Substanz und ist sie gestreckt?

Von Set wird gesprochen, wenn es darum geht, was die Konsumierenden an Voraussetzungen mitbringen. Nicht nur die körperlichen Merkmale und Dimensionen sind hier entscheidend. Es geht auch um die momentane physische und psychische Verfassung der Person. Es kann eine Rolle spielen, ob die Person erstgerade krank war, eine längere Konsumpause eingelegt hat oder wie es ihr emotional geht. Des Weiteren spielt die Konsummotivation eine nicht zu unterschätzende Rolle: Erleben die Jugendlichen einen guten Tag und möchte mit Freund*innen feiern, so kann sich die Wirkung der psychoaktiven Substanz eher positiv zeigen. Wenn sie jedoch beispielsweise Alkohol trinken, um ein schlimmes Erlebnis oder Kummer zu vergessen, so wird die Wirkung eher negativ oder stärker ausfallen.

Der Faktor Setting beschreibt das Umfeld, die Situation und die Umgebung des Konsums. Diese haben einen grossen Einfluss auf das Empfinden der Jugendlichen. Fühlen sich die Jugendlichen wohl, für sich allein und mit den Personen, mit denen sie unterwegs sind, betrachtet? Entscheidend kann auch der Ort des Konsums sein. Werden beispielsweise halluzinogene Substanzen an einem Ort konsumiert, an dem viele Reize wirken (z. B. Party, Street Parade, Konzert usw.), kann dies sehr schnell zu einer Überforderung führen. Fachpersonen der OKJA können Jugendlichen dazu anregen, sich Gedanken darüber zu machen, in welcher Umgebung sie sich befinden oder befinden werden, falls sie konsumieren. Spricht ein Faktor des Settings gegen den Konsum oder stellt sich ein ungutes Bauchgefühl ein, ist davon abzuraten.

Das Beachten der Faktoren Drug, Set und Setting ist wichtig, weil ein und dieselbe Substanz (z. B. Bier), in derselben Menge (0.5 Liter) bei derselben Person (weiblich, 60kg) sehr verschieden wirken kann. Nach einem Tag am See an der prallen Sonne und auf leeren Magen getrunken ist die Wirkung von diesem Bier eine andere als nach einer nahrhaften Mahlzeit im Schatten. Selbstwahrnehmung und Selbsteinschätzung sind Kompetenzen, die in diesem Zusammenhang mit den Jugendlichen thematisiert werden können.

Mischkonsum und andere gefährliche Trends

Mischkonsum bezeichnet die gleichzeitige oder zeitnahe Einnahme von zwei oder mehreren psychoaktiven Substanzen, sodass sich deren Wirkungen überlagern. Die Kombination von zwei oder mehr Substanzen innerhalb kurzer Zeit belastet den Körper und die Psyche stark und birgt Risiken. Die Reaktion des Körpers und das Zusammenspiel der Substanzen sowie deren Wirkungen und Nebenwirkungen sind schwer abzuschätzen. Ein Beispiel, welches öfters in den Medien aufgetaucht, ist das Mischen von Benzodiazepinen (Angstblocker, auch bekannt unter dem Namen Xanax) und Alkohol.

Jugendliche konsumieren auch Substanzen, die in der Lebensmittelabteilung oder in der Apotheke zu finden sind. So werden codeinhaltige Hustenpräparate mit kohlesäurehaltigen und mitunter auch alkoholischen Getränken gemischt konsumiert. Das Einatmen von Lachgas aus den Kapseln für Sahnespender für den schnellen Rausch ist ebenfalls ein bekanntes Phänomen.

Weiterführende Informationen zu Mischkonsum und zu Anlaufstellen finden sich in der Linkliste zu Substanzwissen am Ende dieser Publikation.

Notfälle

Es ist wichtig den Jugendlichen nahezulegen, dass die Blaulichtorganisationen die erste Anlaufstelle bei Notfällen sind. Durch Mischkonsum können gefährliche Situationen entstehen. Die Jugendlichen sollten dann nicht zögern eine Ambulanz zu rufen.

Testen

Wer sich ein Bier oder eine Flasche Wein kauft, kann sich über den Inhalt informieren. Es kann davon ausgegangen werden, dass wo Bier draufsteht auch Bier drin ist. Ausserdem ist der Alkoholgehalt angegeben, was ein Anhaltspunkt betreffend Wirkung sein kann (je nach Set und Setting). Bei vielen anderen psychoaktiven Substanzen handelt es sich um illegale Mittel. Das bedeutet, dass diese nicht durch ein Kontrollorgan geprüft werden. Egal wie vertrauenswürdig eine Darknet-Seite erscheint, über die eine Substanz bestellt werden kann, oder wie gut bekannt ein*e Dealer*in ist, die Jugendlichen erhalten dennoch keine vertrauenswürdigen Angaben über die Substanz. Es gibt allerdings die Möglichkeit, psychoaktive Substanzen kostenlos und anonym testen zu lassen. Die einzigen Bedingungen sind, persönlich vor Ort zu sein und mit einer*einem Sozialarbeiter*in zu sprechen. Ein sogenanntes Drug-Checking-Angebot besteht in der Schweiz bereits in Basel, Bern, Biel, Genf, Luzern und Zürich. Drug Checkings werden auch mobil an Festivals und in Clubs durchgeführt.

Durch das Testen kann bestimmt werden, um welche Substanz es sich tatsächlich handelt und wie rein sie ist. Dies ist für die Dosierung sehr entscheidend. Zusätzlich kann festgestellt werden, ob und welche Streckmittel oder unerwünschte andere psychoaktive Substanzen darin enthalten sind. So können Risiken aufgrund der Dosierung und allfälliger Falschdeklarationen gemindert werden. Die Fachpersonen der OKJA können den Jugendlichen die Möglichkeit des Testens bekanntmachen und ihnen empfehlen diese zu nutzen, einerseits, um die Risiken beim Konsum einzudämmen, andererseits, damit sie bei dieser Gelegenheit mit einer spezialisierten Fachperson sprechen und dieser ihre Fragen stellen können.

Vernetzung[edit | edit source]

Ein Netzwerk der (professionellen) Akteur*innen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, ob kommunal, regional oder kantonal, ist in der Sozialen Arbeit und der OKJA auf jeden Fall unerlässlich. Für die OKJA kommt hinzu, dass Jugendliche sich in verschiedenen Lebenswelten bewegen, in denen sie oft unterschiedlich wahrgenommen werden. Beispielsweise fallen Volleyballtrainer*innen Narben an den Armen von Jugendlichen eher auf als den Lehrpersonen und den Fachpersonen der OKJA.  Wenn sich Trainer*innen und Fachpersonen der OKJA kennen, erleichtert dies die Kontaktaufnahme und den Austausch zu einer allfälligen Gefährdung.

Früherkennung und Frühintervention

Früherkennung und Frühintervention (F+F) ist eine Gemeinschaftsaufgabe und kann nur dank regelmässigem Austausch und Vernetzung der Akteur*innen gelingen. F+F umfasst ein gemeinsames fachliches Verständnis für Früherkennung und Frühintervention und eine geteilte Grundhaltung, mit dem «Ziel, die ersten Anzeichen eines Problems möglichst früh zu erkennen und den Handlungsbedarf abzuklären, um geeignete Massnahmen zu finden, und die Betroffenen zu unterstützen.» (Früherkennung und Frühintervention. Harmonisierte Definition, BAG).

Formen der Zusammenarbeit

  • Vernetzung in der OKJA: Die meisten kantonalen oder regionalen Netzwerke organisieren regelmässige Treffen, an denen sich die Fachpersonen der OKJA über Projekte und Themen austauschen können. Diese sind auch eine gute Gelegenheit, um sich über das Konsumverhalten der Jugendlichen auszutauschen. Ist zum Beispiel eine neue Substanz im Umlauf?
  • Vernetzung in der Gemeinde oder im Quartier: Um ihr Umfeld miteinzubeziehen, sollte die OKJA auf anderen Akteur*innen in der Gemeinde zugehen. Gute Kommunikation ist dabei grundlegend. Wenn den Anwohner*innen und Gemeindevertreter*innen bewusst ist, was der Auftrag der OKJA ist, gelingt konstruktive Zusammenarbeit mit ihnen.  
  • Vernetzung im Team: Regelmässige Supervision und/oder Intervision erlauben den Fachpersonen ihre Arbeitsweisen zu reflektieren und stärken die gemeinsame Haltung des Teams.

Triage

Schulsozialarbeit, Organisationen wie Saferparty Streetwork, Ärzt*innen, Jugenddelegierte, Mitarbeitende des Jugendamtes uns so weiter, die Akteur*innen des Präventionssektors sind divers und der Kontakt zur OKJA ist für viele von ihnen keine Selbstverständlichkeit. Durch das Organisieren von runden Tischen oder Gremien können Fachpersonen der OKJA diesen Kontakt aufbauen. Dies zahlt sich spätestens dann aus, wenn die Fachpersonen in einer Beratungssituation oder einem sonstigen Kontakt mit Jugendlichen nicht weiterkommen. F+F sowie Triage durch die Fachpersonen der OKJA finden durch bereits bestehende Kontakte im eigenen professionellen Netzwerk eher und effizienter statt.

Weiterbildung

Regelmässige Weiterbildung gehört zur beruflichen Weiterentwicklung der Fachpersonen der OKJA und sollten dementsprechend von den Einrichtungen budgetiert werden: sei es beispielsweise in Form eines Workshops zu Gesprächsführung (Bsp. Move), einer Schulung zu psychischer Gesundheit (ensa) oder einer Fachtagung zum Thema Alkohol. Nebst dem gewonnenen Wissen trägt die Vernetzung unter Fachpersonen an solchen Veranstaltungen massgeblich zur Weiterbildung und zur Wissensvermittlung bei. Was sind die neuesten Trends in Sachen Mischkonsum und welcher Verband bietet niederschwellige Informationen an? Durch regelmässigen Austausch bleiben die Fachpersonen am Puls der Zeit.

In der Praxis (folgt)[edit | edit source]

Begriffserklärungen[edit | edit source]

Psychoaktive Substanzen: Substanzen, die das zentrale Nervensystem und damit das Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Sie können pflanzlicher Herkunft sein oder halbsynthetisch oder synthetisch hergestellt werden. Zu ihnen zählen Alkohol, Opioide (z. B. Heroin), Cannabinoide (z. B. Haschisch und Marihuana), Beruhigungsmittel und Schlafmittel, Kokain und andere legale und illegale anregende Substanzen einschliesslich Coffein, Halluzinogene (z. B. LSD, bestimmte Pflanzen- oder Pilzbestandteile oder synthetisch hergestellte Designerdrogen), Tabak und flüchtige Lösungsmittel.

Primär- und Sekundärprävention: Primärprävention setzt an, noch bevor es zum Konsum kommt. Bei der Sekundärprävention geht es darum, bei bereits konsumieren Personen der Entwicklung von Missbrauch und Abhängigkeit vorzubeugen sowie um Safer Use.

Substanzwissen[edit | edit source]

Drug, Set, Setting

Timothy Leary (1971): US Psychologe bei Studie zu LSD.

Norman Earl Zinberg (1984): Drug, Set, and Setting. Yale Univ. Press.

Alexander Bücheli (2017): Risikoarmer Drogengebrauch. Solothurn, Nachtschattenverlag. S. 25-44.

Mischkonsum

Infodrog.ch → Mischkonsum

Combichecker

Interaction Charta für Mischkonsum (auf englisch)

Anlaufstellen und Beratung

Saferparty Streetwork, diz@zuerich.ch, 044 415 76 40

Just Say Know, Informiert über Substanzen, Risiken, Nebenwirkungen und Safer Use

Eve & Rave, Informationen für User*innen und Drug Checking

Infodrog.ch, Schweizerische Koordinations- und Fachstelle Sucht

Fachverband Sucht

Weitere Links

Alles Wissen in der OJA

«Health Behaviour in School-aged Children», hbsc Switzerland 2018

Jungaberle H, Böckem J. (2015): High Sein: Ein Aufklärungsbuch. Zürich, Kein & Aber.

Mösch Payot, P. & Rosch, D. (2009): Früherkennung und Frühintervention bei Jugendlichen: Rechtsgrundlagen für Schulen und Gemeinden. Überblick über Rechtsfragen im Verhältnis zwischen Kindern, Eltern, Schule und verschiedenen Behörden. Luzern, Hochschule Luzern HSLU.

Ottawa Charta

Risflecting, Leben in Rausch- und Risikobalance

Quellen und Literatur[edit | edit source]

Offene Kinder- und Jugendarbeit

DOJ (2018): Offene Kinder- und Jugendarbeit in der Schweiz. Grundlagen für Entscheidungsträger*innen und Fachpersonen, Bern.

DOJ (2017): Kinder- und Jugendförderung als Querschnittaufgabe, Bern.

DOJ (2017): Grundlagenpapier Aufsuchende Arbeit, Bern.

DOJ (2019): Positionspapier Cannabis, Bern.

Evaluationsinstrument Quali-Tool

Früherkennung und Frühintervention (F+F)

Informationsseite des BAG

BAG (2022): Broschüre Früherkennung und Frühintervention. Harmonisierte Definition

BAG (2021): Multifaktorielles Modell zu F+F

Informationsseite von Radix

Soziale Arbeit

Staub-Bernasconi Silvia (2018): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft, Systemische Grundlagen und professionelle Praxis – Ein Lehrbuch, 2., erweiterte Auflage. Bern, Haupt.

Lange Andreas, Reiter Herwig, Schutter Sabina, Steiner Christine (2018): Handbuch Kindheits- und Jugendsoziologie. Wiesbaden, Springer.

Autor*innen und Herausgeber[edit | edit source]

Géraldine Bürgy, Projektleiterin Kinder- und Jugendförderung, DOJ

Florin Eberle, Sozialarbeiter FH, Saferparty Streetwork, Stadt Zürich

Michel Eisele, Mitarbeiter Mobile Jugendarbeit Basel

Christoph Rohrer, Teamleiter Jugendarbeit Aarau

Mireille Stauffer, Kinder- und Jugendbeauftragte Stadt Winterthur

Wir danken Adrien Oesch und Patrick Ouellet aus der Westschweiz sowie Joël Bellmont für ihr Mitwirken.

Redaktion: Géraldine Bürgy und Noëmi Wertenschlag, DOJ

Illustrationen: Roman Hartmann, starwish.ch

Herausgeber: Dachverband Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz (DOJ), Pavillonweg 3, 3012 Bern, welcome@doj.ch, www.doj.ch

Diese Publikation wurde vom Bundesamt für Gesundheit BAG finanziert. Besten Dank.

Logo BAG